Musikphysiologische Übungen für Streicher
Marionettenarme
Der Schüler sitzt und lässt die Arme locker hängen, ohne dass diese an der Stuhlkante anstoßen. Der Lehrer beginnt, den Oberarm des Schülers oberhalb des Ellbogens anzufassen und vom Körper etwas wegzuziehen. Dabei unbedingt auf die langsame Ausführung dieser Bewegung achten. Im Weiteren werden verschiedene Bewegungen der Arme ausprobiert, während der Schüler versucht, seine Arme wie die Arme einer Marionette bewegen zu lassen. Dadurch kann er das Gewicht seines Arms wahrnehmen und Spannungszustände nachvollziehen. Je mehr der Schüler seinen Arm selbst wieder mit Muskelkraft trägt, umso weniger Gewicht hat der Arm für den Lehrer. Je mehr er das Gewicht abgibt, desto schwerer fühlt sich der Arm für den Tragenden an. Der Lehrer sollte dann auch den Schüler das Gewicht seines Arms erleben lassen und dazu die Rollen mit ihm tauschen. Die Übung eignet sich außerdem sehr gut zur Entspannung der Schultern, aber auch, um unterschiedliche Spannungszustände spüren zu lernen.
Nach der Übung die Wahrnehmung des bearbeiteten Armes mit der anderen Seite vergleichen lassen. Erst nach einiger Zeit der eigenen Erfahrungen und verbesserten Körperwahrnehmung können dann Erklärungen zum Sinn der Übung folgen. Erfolgen sie zu früh, orientiert sich der Schüler nicht mehr am eigenen Erleben (Innen), sondern an dem, was es dort zu lernen gilt (von Außen diktiert). Genau hier aber sind die Zusammenhänge zwischen dem Vertrauen in die eigene Wahrnehmung und dem Aufbau von Selbstbewusstsein zu fördern und zu finden.
Trauerweide
Die Beine in der Höhe der Fußgelenke überkreuzen, dann langsam, mit dem Kopf beginnend den Körper der Schwerkraft folgend nach vorn-unten sinken lassen. Daraufhin den Körper balancieren lassen, die Knie bleiben etwas gebeugt. Dabei die Arme und den Kopf entspannt hängen lassen und den Oberkörper sanft nach links und rechts gleiten lassen – wie eine Trauerweide im Wind (viermal in jede Richtung). Mit den Händen ist es jederzeit möglich, den Stand zu sichern. Den Oberkörper langsam gegen die Schwerkraft nach oben ziehen. Danach die Übung wiederholen, aber die Beine dabei wechseln und wieder viermal hin und her gleiten lassen.
Balancierübungen aktivieren den Gleichgewichtssinn und die Haltungsmuskulatur. Dadurch werden ein müheloses Stehen bei gelockertem Schulterbereich und ein besserer Bodenkontakt möglich.
Beispielstunde über 45 Minuten
5 min
Die ersten fünf Minuten sind für das Ankommen der Schüler reserviert. Der Schüler sollte vor Beginn der Stunde genug Wasser getrunken haben, was die Konzentrationsfähigkeit und die Gehirnfunktion fördert. Als Einstieg eignen sich Pendel- und Schwingübungen.
5 min
In den folgenden fünf Minuten sollten die Schüler Kontakt zu ihrem Instrument aufnehmen. Wie klingt es heute? Wie fühlt es sich an? Die Landschaft des Griffbretts und die Welt der verschiedenen Klänge und Bewegungsmöglichkeiten können erforscht werden.
10 min
Musikalische Übungen und Spiele könnten die nächsten zehn Minuten ausfüllen. Der Lehrer könnte damit z. B. neue Techniken einführen, die in neuen Stücken gebraucht werden. Als Beispiel: Schüler und Lehrer sitzen Rücken an Rücken. Immer abwechselnd spielt einer einen kurzen Rhythmus, eine kleine Melodie, eine neue Strichart, eine Phrase, die der andere nachspielt. Der Schüler soll seinen Weg finden, das vom Lehrer Vorgespielte, das er hört, nachzuspielen. Hier sollte der Schüler seine eigenen Erfahrungen bei dem Erarbeiten einer neuen Technik, Melodie, Rhythmus machen.
20 min
Nun folgt für 20 Minuten die Arbeit am Stück. Beim Auftreten feinmotorischer Probleme sollte immer der gesamte Mensch betrachtet werden. Wenn eine bestimmte Bewegung der Hände nicht funktioniert, hängt das häufig mit der gesamten Haltung zusammen. Die Stellung des Beckens, des Schultergürtels und des Kopfes sowie die Spannung im Schulterbereich sind ausschlaggebend für die Tätigkeit der Arme und Hände. An dieser Stelle sind alle Übungen für das aufgerichtete Stehen und Sitzen, die sich mit dem Balancieren beschäftigen, zu empfehlen (z.B. Trauerweide). Auch das Balancieren von Sandsäckchen auf dem Kopf ist hier, besonders für die Kopfstellung, sehr hilfreich. Sollten die Schultern und Arme bzw. Hände verspannt sein, so ist die Übung Nr. 4 „Marionettenarme“ sehr hilfreich. Sie entspannt den gesamten Schultergürtel. Alle Übungen machen darüber hinaus auch wach und fördern damit die Konzentration.
5 min
Der fünfminütige Ausklang der Stunde widmet sich dem Nachspüren und einer gemeinsamen Reflexion. Es wird nun besprochen, was zu Hause noch einmal geübt werden sollte.